| Ernst Josef Krzywon
Übergänge "Heimat als Zukunft", sagte der alte Mann, "kann ich mir
beim besten Willen nicht vorstellen. Wie soll denn das gehen? Soll ich
etwa die seit sechsundfünfzig Jahren in meinem Haus und Dorf lebenden
Polen, die dort eine neue Heimat gefunden haben, mit Gewalt oder mit Geld
von meinem Grund und Boden vertreiben? Beides übersteigt mein Vermögen.
Und letztlich habe ich mich jetzt, da mir nur noch wenige Lebensjahre
vergönnt bleiben, damit abgefunden, fern der Heimat und als Vertriebener
in der Fremde zu leben. Nee, nee, Heimat als Zukunft gibt es für
mich nicht mehr! Da mache ich mir nischt vor." Der junge Mann nickte
dem Alten wortlos zu. Ein Schein von Zustimmung huschte über sein
gebräuntes Gesicht, und in seinen rehbraunen Augen blitzte für
einen kurzen Blick Erstaunen und Bewunderung auf. Als auch sein freundliches
Lächeln verflogen war, das seinen Mund umspielte, sagte der Junge
nachdenklich: "Ich als Spätaussiedler habe kein so schweres
Los wie Sie zu tragen, weil ich meine Heimat aus freiem Entschluß
verlassen habe. Mein Heimatverlust ist kein gewaltsam erzwungener, sondern
ein relativ frei gewählter, weil ich weder in einer totalitären
Diktatur noch mit dem Verbot der deutschen Sprache leben wollte. Insofern
bin ich höchstens im übertragenen Sinne ein Vertriebener, der
vermutlich zu unrecht einen Vertriebenenausweis besitzt. Heimat als Zukunft
kann ich mir deshalb sehr wohl vorstellen. Ich gestalte und bewohne sie
vielleicht schon. Hoffentlich werde ich nie mehr gezwungen, sie zu verlassen."
- "Ich begreife nicht", sagte mit leisem Vorwurf der alte Mann,
"warum Sie so lange in der Heimat Ihrer Kindheit und Jugend geblieben
sind, obwohl Sie dort weder deutsch sprechen noch in Freiheit leben durften.
Ja, warum Sie und Ihre Eltern nicht rechtzeitig vor den Sowjets geflohen,
warum Sie und Ihre Eltern nicht gewaltsam vertrieben worden sind wie unsereins?"
- "Das läßt sich einfach erklären", entgegnete
der Junge. "Beim Einmarsch der Sowjets wurde nicht nur unser Haus
in Brand gesteckt, sondern mein Vater wiederholt mit der Pistole bedroht
und meine Mutter vergewaltigt. Wenig später wurden beide interniert:
mein Vater zur Zwangsarbeit in den Kaukasus, meine Mutter zur Demontage
der deutschen Rüstungsbetriebe in Reigersfeld und Blechhammer. Als
beide ausgemergelt und krank heimkehrten, brauchten sie viele Wochen,
um wieder gesund zu werden und für sich selbst und ihre Kinder den
Unterhalt zu verdienen. An Aussiedlung war unter diesen Umständen
ebensowenig zu denken wie an Vertreibung, zumal mein Vater als gelernter
Schießhäuer und geschätzte Arbeitskraft keine Ausreiseerlaubnis
erhielt, aber auch nicht vertrieben wurde, weil er in keiner NS-Organisation
Mitglied gewesen war. Und da wir im sogenannten Reich keine Verwandten
hatten, konnten wir auch keine Zuzugsgenehmigung vorlegen, die für
die Ausreisegenehmigung erforderlich war. So flossen die Jahre dahin,
bis meinem Vater, inzwischen Invalide mit Gesteinslunge und Rentner geworden,
endlich nach vielen vergeblichen Anträgen die Ausreise gestattet
wurde. So verloren wir die Erstheimat und kamen in die Fremde, die uns
bald zur Zweitheimat wurde." |
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